Direkt zum Hauptbereich

Smart oder Fair - Habe ich einen Telefonjoker?

Nachdem wir uns den ersten Teil schon mal reingezogen haben müssen wir nun weitergehen. Wird es leicht? Hoffentlich nicht, denn alles was leicht ist wirkt unecht.

Gehen wir nochmal zurück - die eigenen Seelennahrungen für Neugeräte hatten wir entkräftet.
Hmm, also nie wieder ein Neugerät kaufen? Das kann es auch nicht sein. Vielleicht erstmal zurückfahren auf den echten Bedarf. Selbst analysieren: Was brauche ich? Bin ich mit der Geschwindigkeit und den Möglichkeiten meines Handys - wie uncool, sollte besser Smartphone heißen -  zufrieden? Hintergrund ist ganz simpel, denn das was vor ein paar Jahren noch richtig Kohle war ist heute schon im Niedrigpreissegment zu finden und immer noch besser. In der Regel fährt man hiermit schon sehr gut.

Nochmal kurz zurück; es gibt ganz logische und unabstreitbare Gründe warum und wann man sich etwas neues kaufen sollte: Das bisherige Gerät ist kaputt, Funktionen werden herstellerseitig restriktiert oder man ist unzufrieden.


Das mit der Restriktion ist mir nur von einem Hersteller bekannt, wenn ich mich nicht vertue: Apple. Hier wird die aktuelle Generation, deren Vorgänger und Vor-Vorgänger unterstützt. Kommt danach für eure Apps ein Update, so wird das nicht mehr auf eurem Gerät akzeptiert und ihr seid ausgesperrt. Direkte Abhängigkeit zu allen möglichen Versionsnummern und Lebensalter. Klasse für soziale Netzwerke, oder Messenger wie WhatsApp. Im Android-Bereich gibt es ein ähnliches Szenario, jedoch bei weitem nicht so einschränkend: Hier wird in der Regel nur nach den Hauptversionen (2, 4 und bald 5) unterschieden - die Apps unterstützen quasi alles. Bei Android ist es mir bislang immer nur passiert, dass die Hersteller ihre Unterstützung abgebrochen haben, damit ich verlockt werde mir ein neues Gerät zu kaufen. Ein bisschen Recherche und technisches Verständnis (klick klick klick) haben mir dann eine geschickte Möglichkeit gegeben: Update auf die neuste Version, ohne irgendwelchen Herstellerschnickschnack. (Stichwort ist hier: Custom-ROM, z.B. Cyanogenmod) Fazit des Vorgangs war: Top-aktuelle Software, keine Herstellereinschränkungen und weiterhin Spaß mit dem Gerät. So unerwünschte Sachen wie höhere Geschwindigkeit und längere Laufzeit des Gerätes müssen Zufall sein, wäre sonst ja sehr gemein, wenn der Hersteller damit etwas zu tun hätte.... kann doch gar nicht sein.

Ui jui, jetzt sind wir aber schon tief drin. Erstmal wieder was lockeres nun: Die Teile sollen ja auch Spaß machen, Kontakt zu Familie und Freunden, der Austausch von Fotos und Videos soll einfach und problemlos erfolgen. Gute Musik stets dabei zu haben macht Laune und hilft dabei, nach einem stressvollen Tag runter zukommen. Telefonieren soll das Teil auch, nebenbei. All das sind unsere Rahmenbedingungen, was so ein Teil können soll und auch perfekt kann! (Das man die Teile 1-2 mal am Tag laden muss ist ja schon akzeptiertes Ärgernis). Idealerweise, quasi als Bonus für eine Menge Freiheit sollte das Betriebssystem nur Mittel zum Zweck sein und nicht Dreh- und Angelpunkt. Hier sehe ich Android vorne, weil ich nicht in das iÖkosystem gestopft werde.

Egal ob Samsung, Apple, Xiaomi, Lenovo, Microsoft oder wie sie alle heißen - letztendlich wird der Großteil beim Auftragslieferanten Foxconn in dessen Mega-Fabriken in China produziert. Hier beginnt das Problem. Die Mitarbeiter sehen von dem ganzen prestige- und margenreichen Geschäft nichts. Die Rohstoffe kommen aus fragwürdigen Quellen und finanzieren Vorgänge bei denen einem nur schlecht werden kann. Klar, die Endprodukte funktionieren und bringen das Volk zum Jubeln. Spätestens jedes halbe Jahr aufs neue, alle schön im Rhythmus am Klatschen und tagelang vor irgendwelchen seltsamen Stores campen. Die Mitarbeiter von Foxconn wählen währenddessen lieber den Freitod, statt diesem Druck auszuhalten (leider ist das kein Scherz oder überspitzt)! Fühle ich mich wohl damit, jetzt wo mir das so bewusst ist? Nein, denn bei einem Gewinn von mehreren Hundert Euros pro Gerät gibt es keine Rechtfertigung mehr die Menschen wie Material zu behandeln, dass nur noch eingesetzt wird, weil es in der Fertigungsregion noch billiger ist als Roboter.

Gibt es eine Alternative, die versucht diesen Kreis zu durchbrechen? Ja klar, weniger bekannt, aber cool. Das in den Niederlanden ansässige Projekt Fairphone (http://www.fairphone.com/) baut genau so ein Gerät. Faire Löhne, Rohstoffe aus gesicherten Quellen unter zeitgleicher Berücksichtigung eines technischen Standards, der unsere Wünsche erfüllt. Es gibt nur ein Modell, eine Farbe, eine Ausführung. Die Roadmap plant, dass das einzige Modell nächstes Jahr einmal überarbeitet wird. Der Preis ist absolut angemessen und das Design passt - persönlich spielt das bei mir eine untergeordnete Rolle.

Höre ich Jubel über das Fairphone? Nein! Wieso?
Projekte außerhalb des Mainstreams haben ein Problem: Fehlendes Marketing-Kapital. Wo die großen Konzerne locker auftrumpfen und Kosten für Werbung völlig egal scheinen, da liegt der auch öffentliche Fokus. Außerdem ist Fairness anscheinend noch nicht sexy genug, um damit vor seinen Freunden auftrumpfen zu können. Der Run auf iStuff und Ausflüge in die Welt der Samsung Galaxien dagegen haben immer den Charm, dass jeder die Produkte kennt und "ohhh" und "ahhh" machen kann. Wer das braucht wird mit dem Fairphone auch nicht glücklich werden. Andersrum muss man selbstkritisch sich fragen: Kauft man das Gerät nun nur, um sein Gewissen zu beruhigen oder weil man dahinter steht? Macht das hier noch einen Unterschied? Brauchen wir hier die scharfe Trennung? Ich denke nicht, man hat sich ja schon Abseits der Großen informiert und orientiert. Benachteiligt fühlen werden sich Kunden sicher nicht und die Ankündigung der Modellpflege macht mich neugierig nun. Neugierig ja, Impulsivkauf nein. Wir reden hier immer noch über Geld, dass verdient wird und über ein Teil, was ich ja schon in älterer Form besitze.

Vielleicht nochmal was zu meinem smarten Teil: Der Akku hatte einmal ne Macke, war nach drei Stunden platt. 10€ in die Hand genommen und einen neuen gekauft und eingebaut. Funktioniert wieder und besser als am Ersten Tag.

Das Happy End für mich: Ich kaufe kein Neues, solange es nicht vollständig defekt ist. Kleinere Fehler werde ich günstig selbst reparieren, das bin ich schuldig. Nachhaltigkeit bedeutet für mich auch Geräte nach dem technisch machbaren einzusetzen und nicht dem Diktat zu folgen, was der Hersteller meint mir als Konsument auflegen zu müssen. Im Gegenteil würde ich sogar keinen Hersteller mein Geld in den Rachen schmeißen, der mich mehr Einschränkt als mir Freiheit mit meinem Eigentum zu geben. Auf den anderen Seite dürfen wir auch nicht vergessen, dass das Teil nur unsere Eintrittskarte in die digitale Gesellschaft ist, nicht unser Lebensmittelpunkt. Echte soziale Kontakte stehen hier völlig außer Konkurrenz, wer das noch nicht geschnallt hat soll lieber in den nächsten Handyladen gehen und jedes Jahr nach dem Top-Gerät verlangen. Vielleicht gibts ja dann noch ein Klingelton-Abo

Wenn ich vor der Entscheidung stehe werde ich mich wahrscheinlich für das Fairphone bzw. dessen Modellpflege-Variante entscheiden.

So, das war ja schonmal ganz ordentlich für den Anfang. Was denkt ihr? Sehen wir uns bei solchen Gebrauchsgegenständen zu unkritisch, fehlt uns manchmal die Lust außerhalb der Top-5 zu schauen, oder liege ich ganz daneben?

Beliebte Posts aus diesem Blog

Digital Detox

Klingt irgendwie schon so, als würde das Digitale einen erkranken lassen. Entgiftung als propagiertes Mittel. Gedanke, der viel wichtiger scheint:
Gesunde Balance finden - Selbstverständnis schärfen.

Persönliche Entropie als Personal Mastery

Wichtige Entscheidungen stehen an, die Informationslage ist mehr als ausreichend und trotzdem nur Stillstand. Ein Einsatz erklärt der Titel.
Persönliche Entropie beschreibt die Angst, die das eigene Handeln beeinflusst und die Rationalität stört. Das Überwinden dieser Hürde erst bringt die Freiheit wirklich kluge Entscheidungen zu treffen.

Logistik-Review

Auf dem Weg zur Arbeit bin ich über eine Brücke gelaufen und beobachtete neben unzähligen PKWs auch LKWs und alles dazwischen (Lieferwagen etc.).
Das kann man doch intelligenter machen: Vier Gedanken schossen mir durch den Kopf.