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Upcycling kontra Wegwerfsozietät

An manchen Tagen entdeckt man auf einmal Wörter im Internet, die jeder verwendet und kennt aber irgendwie an der Insel meiner Kenntnis vorbeigezogen sind. So passiert bei 'upcycling'. Eine Kombination aus up und recycling - ich mag solche Wortspiele irgendwie nicht, haben sie sich doch schon selbst überholt, aber die Kombination könnte vielversprechend sein. Danach war erstmal lesen und informieren; die Neugierde ist geweckt.

Prinzipiell geht es darum, dass die benutzten und (industriell) verarbeiteten Ressourcen und Materialien nach ihrer ursprünglichen Verwendung in einem neuen Produkt ein zweites Leben eingehaucht bekommen. Das finde ich schwer in Ordnung. Wie sieht das in der Praxis aus?


Egal ob gelbe, braune, blaue oder grüne Tonne. Recycling hat jeder schon einmal genau darauf geachtet, wo er seinen Müll reinschmeißt. Aber viel cooler wäre es doch, wenn aus dem Zeug noch irgendwas brauchbares werden könnte. Bei Papier liegt es noch irgendwo am nächsten. Beim nächsten Paket einfach ein wenig Füllmaterial verwenden, was eigentlich eine kostenlose Zeitung war. Easy. Beim nächsten Einkauf die eigenen Taschen aus Baumwolle mitgeschleppt und nicht die Plaste gekauft - schon eine kleine gute Tat getan. Aber was ist mit dem Zeug, was man eigentlich nicht mehr verwerten kann, z.B. bunte Prospekte, Getränke-Dosen aus Alu und so weiter.

In meinem derzeitigen Lieblingsland, den Niederlanden, gibt es einen Laden der mich immer wieder überrascht: (dit is) Waar (http://www.ditiswaar.nl/) Was gibt es hier, was mich so erfreut? Alltagsgegenstände, die entweder selbst den Upcycling-Prozess durchlaufen haben, oder aber die Vermeidung von Müll fördern. Ein Beispiel: Anstelle von Einweg-Brotpapier gibt es da wiederverwendbare Brottüten, die sogar in die Spülmaschine gelegt werden können. Bonus am Rande; die Mitarbeiter werden fair behandelt und bezahlt. Eine andere gute Sache sind Dosen aus alten gefalteten Papier. Oder Kerzen aus alten Küchenöl - sowas ist easy und cool, wieso kommt man da selbst nicht drauf?! Die Ideen in dem Laden sind klasse, vorbeischauen angesagt.

Ich mag es irgendwie nicht, wenn man viel wegschmeißen muss, egal ob IT, Haushalt oder sonstwo. Anspruch sollte es sein, nach und nach so viel wieder zu verwenden, wie es geht. Egal ob man in seinem PC oder Notebook  nur eine neue Festplatte einbaut statt ein neues zu kaufen, oder man vielleicht nicht jede Woche zwei halbe Brote in den Müll schmeißt - beides heiße ich gleichermaßen willkommen und erstrebenswert. Kleine Anekdote - ein guter Freund von mir, Mitte 40 seines Zeichens, kennt noch wie es ist keine x-Mülltonnen, sondern eine Aschetonne zu haben. Was hat sich geändert? Grundlebensmittel wurden früher in wiederverwendbaren Gefäßen verkauft und gehandhabt, Papier zum Anfeuern des Kamins verwendet und ungenießbare Lebensmittel kompostiert und dann im Garten verwendet. Heute schon fast unvorstellbar irgendwie. Die EU ist momentan daran den pro Kopf Verbrauch von Plastiktaschen zu regeln, um die Umwelt weiter zu entlasten. Ich befürchte, da wird nur ein unzureichender Kompromiss rauskommen mit vielen Ausnahmen. Traurig ist, dass es schon so eine Selbstverständlichkeit geworden ist überall Plastiktaschen zu erhalten. Denkt mal an Floh- und Wochenmärkte mit ihren ganzen ultradünnen Täschchen, die zuhause nur in den Müll wandern - irgendwie ironisch, dass man auf dem Markt sich Superfood kauft, dass dann im letzten Rotz verpackt wird.

Werden wir doch einmal konkret mit Ideen, die im Alltag schon mit kleinem Aufwand eine Menge ändern:

1. Baumwoll/Recyclingtaschen mitnehmen. Im Auto tun sie niemanden weh, in der Hand- oder Jackentasche kann man kleingefaltet eine mitnehmen, ohne entstellt zu wirken.

2. Kennt ihr diese kostenlosen Wochenzeitungen, die ihr immer in den Müll schmeißt? Verzichtet doch einfach mit einem "Keine Werbung/Zeitungen" Aufkleber an eurem Briefkasten. Über die neusten Angebote werdet ihr auf den Webseiten eurer Läden informiert, oder in Portalen die die Prospekte eingescannt haben, z.B. kaufDA. Damit habt ihr euer Papieraufkommen locker halbiert.

3. Ihr schmeißt Lebensmittel ständig weg? Kauft weniger Fertigzeug (z.B. auch Brot!) und setzt mehr auf Grundnahrungsmittel (Mehl, Saaten, Hefe, Salz) und backt das Brot selbst. Preislich neutral, transparente Produktion von euch für euch. Schmeißt Lebensmittel nicht mehr so oft weg.

4. Wasserflaschen: Bei Glas und Plastik habt ihr mindestens mehrere der Faktoren Gewicht, Pfand, Weichmacher, Transport zutreffend. Wieso nicht ein Wasserfiltersystem für Zuhause und einen Kohlensäuresprudler nehmen?

5. Defekte Unterhaltungselektronik und alte Smartphones: Ruhig mal selbst versuchen zu reparieren, hier gibt es im Internet (fast) immer perfekte Anleitungen (http://www.ifixit.com/) oder die Suchmaschinen quälen. Oder versuchen zu verkaufen für kleines Geld. Auch ein drei Jahre altes Einsteiger-Smartphone mit zersprungenen Display ist vielleicht für jemanden von interesse, der keine 60€ für sowas über hat.

Springen wir nochmal zurück zur Idee des Upcyclings, also aus Überresten eines gedachten Prozesses etwas weiteres neues Zaubern. Ich bin hier mal wieder über eine coole Webseite gestolpert, die viele nicht kennen (http://www.reset.org/) Der Unterbereich Grüner Alltag (http://reset.org/grüner-alltag/) ist immer mal wieder einen Besuch wert.

Ich werde versuchen mal in meiner Wohnung nachzuschauen, was ich brauche und was ich anderen zugänglich machen kann. Das Wegschmeißen macht mir keinen Spaß und nimmt Ausmaße an, die irgendwo nur noch abartig sind. Hmm, jetzt sind wir nicht sonderlich auf die IT eingegangen... das ist OK, digitale Gesellschaft bedeutet für mich auch die Ermutigung nochmal über bestehende Tatsachen kritisch zu denken und Anreize in der vernetzten Welt zu nehmen und das konnten wir hier tun.

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