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Stress der Möglichkeiten

Nach mehreren Wochen Fokus auf den Alltag ist es nun wieder Zeit für einen Eintrag hier. Thema sollte die liebe Zeit einmal sein. Zumindest der Kalender gibt uns momentan einen schönen Neuanfang, das Jahr ist frisch und die Motivation noch hoch. Viele gute Vorsätze haben gemeinsam mit dem Abnehmen der Weihnachtsdekoration auch schon ihren Weg in die Kellerecke gefunden. Ein paar jedoch halten durch. Mein Liebling ist immer der Satz, sich mehr Zeit für wichtige Dinge im Leben zu nehmen. Ich grübel gerade mal, wie das klappen soll - ein Versuch...

Eigentlich sollte doch in Zeiten moderner Technik alles Gut und Fein sein - halbe Stunde investieren, Geräte einschalten und entspannt zurücklegen, zumindest wird mir alles immer so verkauft.

Vor $n Jahren wurden viele Tätigkeiten noch deutlich manueller ausgeführt als es Heute der Fall ist, viele Dinge im Haushalt erledigten die Bewohner mit der eigenen Hand. Nicht wundern "$n" habe ich einfach mal als freie und beliebige Zahl definiert, weil letztendlich lässt sich diese Aussage immer weiter zurückdrehen, dem (technologischen) Fortschritt sei permanent gedankt.
Zeit ist vergangen und das aktuelle Alltagsbild hat sich gedreht - viel mehr wird viel schneller und zum größten Teil parallel nebeneinander erledigt. Alle möglichen Geräte arbeiten immer besser, man muss das toll sein. Lebensmittel frischer denn je, Wäsche sauberer denn je und vor Allem: Mehr Zeit für alle tollen Dinge denn je.

Bewusst wahrgenommen wird dies jedoch irgendwie nicht. Also scheint irgendwas in diesem System nicht zu passen. Irgendwo scheint die Wahrnehmung von vorhandener und eingesetzter Zeit abhanden gekommen zu sein. In den vergangenen Tagen konnte ich den Wert von persönlichen Gesprächen und Diskussionen nochmal erleben. Ganz spannend mal zu erleben, dass die grauen Zellen im Kopf sich doch noch anders einsetzen lassen als nur in sozialen Netzwerken mit dem Drücken auf Bewertungsknöpfchen.

Wieso passen nun diese letzten Absätze hier rein oder gehören hier rein?
Zum Jahresende und Neujahresanfang gibt es immer die tollsten redaktionellen Publikationen mit irgendwelchen Rückblicken und Ankündigungen vom Erlebten oder zu erlebenden. Viele haben Urlaub und können das Internet noch weiter mit Inhalten füllen, gefühlt am Liebsten mit den Errungenschaften der Weihnachtsfeiertage. Was mir immer fehlt sind Aussagen wie viel man verpasst hat. Hiermit sind nicht die Chancen im Leben oder Konsumgüter gemeint, sondern vielmehr die Dinge und Erfahrungen die man einfach wegautomatisiert hat. Automation und Zeitersparnis ist toll, aber wird es auch so wahrgenommen?  Ist es nicht viel stressiger manchmal, wenn der Terminkalender überquillt, aber er trotzdem noch realisiert wird? Ist es! Und das Resultat erschreckend.

Als ich über diesen Eintrag nachdachte wollte ich anfangs nur den paar erlebten schönen ruhigen Tagen danken und nachweinen, jetzt rödelt der Kopf jedoch erstmal noch ein wenig fröhlich weiter, nachdem ich eine Zahl gefunden habe: 26

Was hat es mit der 26 auf sich?
Nun ja, eine Auswirkung von Stress ist gewiss Erschöpfung bzw. das Gefühl einer Überforderung im negativen Sinne. Neumodisch wird das Krankheitsbild Burn-Out dafür überstrapaziert. Burn-Out spiegelt sich jedoch meist als eine Art depressiver Symptom bei den Betroffenen dar - Erschöpfung ist da nur ein Beispiel für. Also flink einmal im Internet gesucht, wie es den Deutschen statistisch so geht und dann war ich Baff, denn 26% aller Deutschen erleben dies derzeit. Das ist eine von vier Personen - ich hätte blind geschätzt einen Wert von 5% (1 von 20) gedacht (Quelle: http://de.statista.com/themen/161/burnout-syndrom/). Voll daneben geraten.

Jetzt führen wir mal folgende Gedanken zusammen:
Wir haben immer mehr Zugriff auf die verschiedensten Medien, permanent.
Wir erleben einen hohen Grad an Automation im Haushalt.
Wir konsumieren Wissen in einer unerreichten Menge.
Wir werden immer erschöpfter.

Wie passt das? Vorneweg: Eine universelle Antwort gibt es sicherlich nicht, aber vielleicht sind es schon kleine Anreize, die uns zum Handeln und Umdenken anregen.

Vielleicht schadet es einmal nicht sich bewusst gegen bestimmten Konsum zu stellen, einfach mal selbst den Stecker ausschalten und verzichten. Ist es wirklich der Reiz der Information, der einen am Fernsehgerät hält, oder vielmehr die Routine des Alltags an die man sich gewohnt hat? Mein Fernseher ist gerade aus, würde ich mich beschallen lassen würde ich das hier so nicht schreiben können und wollen.
Weiterhin kann man mal schauen, ob es nicht irgendwo etwas bringt bestimmte Tätigkeiten nur zu bestimmten Zeiten auszuführen, z.B. die Einführung eines klassischen Einkaufstages für Lebensmittel, der im Vorfeld mal beplant wurde oder ein Waschtag, der gleichzeitig auch zur Entmistung der Kleiderschränke dient.
Welches Ziel damit verfolgt wird? Nun ja, ich empfinde es so, dass eine Menge Stress daraus entsteht permanent alle Dinge fokussiert zu haben: Haushalt, Freizeit, Arbeit, Partnerschaft. Tatsächlich bewirkt diese allgegenwärtliche Bearbeitung das Gegenteil - alle Bereiche leiden. Die Amerikaner haben einen schicken Ausdruck, Quality time, der das bewusste Zeit nehmen und investieren anspricht und thematisiert, sodass neben dem eigentlichen Gespräch auch meine eine höhere Meta-Ebene erreicht werden kann, die zwar von der 'Flughöhe' nicht das eigentliche Thema beinhaltet, sondern vielmehr die Art und Weise wie man sich dem Thema nähert und welchen Wert man bestimmten Dingen und Sachen zuordnet. Mir ist relativ egal, wie wissenschaftlich oder analytisch so etwas betrieben und verfolgt werden soll - wichtig scheint mir die Idee der bewussten Handlung zu sein.

Einfach mal nur eine Sache fokussieren. Das andere vorher oder nebenbei als Gedankenstütze auf einen Zettel schreiben und zur Seite damit.
Es nervt, wenn der Gesprächspartner nicht in der Gegenwart angesiedelt ist, sondern nur einen Brei aus Vergangenem und Zukünftigen vor sich hin plappert! Das ist sowas von schlechter Stil... idealerweise dann noch im Nachhinein den Spruch, dass man ja sich gar nicht aussprechen konnte.... nein, Danke!

Gerade investiere ich hier Zeit um Gedanken zu fassen, sortieren, zu schreiben. Ein Diktiergerät mit anschließender Sprachanalyse und Texterfassung wäre doch genau das richtige, um noch mehr Zeit zu sparen. Anschließend noch die paar Textbausteine in eine halbwegs passende Form gebracht und schon ist man fertig. Die Technologien sind da, ich könnte jetzt suchen, wie ich das am Besten bewerkstelligen kann - wenn ich wollte; will ich aber nicht. Dieses bewusst fokussierte Ausführen zwingt mich irgendwo darüber nachzudenken, was ich erreichen möchte.

Biegen wir langsam mal in Richtung Zielgerade - wo kann die IT oder die digitalisierte Gesellschaft hier ihren Beitrag leisten? Ich finde hier zwei Punkte irgendwo wichtig:
1. In der Schaffung eines Verständnisses für den Wert des gerade erlebten jenseits von 0 & 1.
2. Unterstützend bei der Planung. Manchmal hilft schon eine kleine Notiz oder eine Mindmap dabei wirre Gedanken runterzuschreiben, um sie dann später sortieren zu können.

Durch die ganze und unendliche Welt der Vereinfachung und Automation von Abläufen hat man irgendwo das Gespür für das eigentliche verloren. Anstelle die Zeit mit Inhalt zu füllen wird sich mehr und mehr der Eigenverwaltung und Organisation ziellos gewidmet. Der Wert der synchronen Kommunikation scheint sich momentan massiv unter der der asynchronen zu befinden und das ist falsch... hier muss ich nochmal was zu schreiben. Ein anderes Mal.

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