Direkt zum Hauptbereich

Vernachlässigbare Grenzkosten

"Jede Handlung kostet was!" - Diesen mehr oder minder klugen Spruch durfte ich mal lernen. Für mich bedeutet das im Alltag, dass jede Entscheidung (sowohl das Für und Gegen etwas) mit Kosten verbunden ist - und wenn es nur der Preis der Zeit ist. Was ist aber in Bereichen, in denen niemand etwas mehr tun muss, sondern einfach nur der Konsum getätigt werden muss?

Ich habe mal dem Bereich eBusiness beigewohnt. Hierbei fiel mir ein Begriff in die Hände, der leider nicht sexy genug ist, um die breite Masse zu begeistern. Vernachlässigbare Grenzkosten klingt halt anstrengend und nicht modern; drückt aber das Gegenteil aus.

Suchen wir uns ein fiktives Beispiel um einzutauchen:
  • Es gibt eine beliebige Webseite, auf der man ein Lied hören kann, in dem man es anklickt. Es wird abgespielt und das was es.
  • Man muss sich nur anmelden und kann entweder per Einzelbezahlung nur das Stück, oder per Flatrate alles bezahlen.
  • Einmal abspielen kostet 0,01€ und die Flat 5€ pro Monat.
Klingt nach einem einfachen Deal, fair und transparent. Ist er das auch wirklich?

Klar, der Betrieb und Strom von der Webseite kosten Geld. Schnell und schick soll das ganze ja auch sein und rund um die Uhr (24/7) verfügbar sein - von allen Geräten der Welt aus. Das kostet Geld für Infrastruktur und Personal. Jeder soll einen gerechten Lohn bekommen und die Infrastruktur regelmäßig erneuert werden.

Jetzt erweitern wir das Beispiel:
  • Die gesamte Infrastruktur samt Personal werden zum Fixpreis pro Monat angemietet und skaliert sich Lastabhängig frei und fröhlich, sodass es keine Engpässe oder Überkapazitäten mehr gibt.
  • Die Webseite stammt samt Schnittstellen aus einem Baukasten und ist zeitlos schick.
  • Neuer Inhalt kommt vollautomatisch dazu.
  • Zusätzlich blendet das Portal externe Werbung ein, die Geld in die Kasse spült.
Also muss nur noch der Benutzer sich entscheiden, anmelden und konsumieren.
Dem System und dem Betreiber sind es vollkommen egal, ob 10.000.000 oder 10.000.001 Benutzer aktiv sind - Geld fließt.

Hier kommen nun die vernachlässigbaren Grenzkosten ins Spiel. Die Kernfrage ist jetzt:
  • Wie viel mehr Kostet es das System einen weiteren Benutzer zu bedienen?
Die Antwortet: Nichts! Ein weiterer Benutzer verursacht hier keine Kosten. Weder verursacht dieses eine besondere Last, dass Skalierungseffekte einsetzen würden, noch müsste im gesamten etwas angepasst werden. Das System liefert, der Benutzer konsumiert.
Der Deal ist immer noch fair, es wird geliefert was verlangt wird.

Et voila - vernachlässigbare Grenzkosten: Die Kosten pro Benutzer sind quasi so gering, dass die Aufnahme eines weiteren keine Veränderungen des ganzen bewirken und somit vernachlässigt werden können.

Das Gute für den Betreiber: Zahlen muss der Kunde aber schon und mit der zusätzlichen Werbung wird noch mehr verdient.

Nochmal unser Beispiel erweitern:
  • Der Betreiber sammelt, verwertet und verkauft Nutzungsinformationen an externe Firmen, u. A. Werbepartnern für noch persönlichere Einblendungen.
  • Über Affiliate-Programme bringen Kaufabwicklungen, die per Werbeanzeige beworben wurden, zusätzliches Geld in die Kassen.
  • Zwei weitere Einnahmequellen wurden geschaffen, die dem Benutzer irgendwo (wenn überhaupt) in den AGBs mitgeteilt werden - liest eh niemand.
Die Situation ist nun, dass das Portal mit den Benutzern mehr Geld verdient als es aufwenden muss.
Und hier kippt der Deal nun in ein gefühltes Ungleichgewicht:

Der Benutzer kann zwar konsumieren, aber das Nutzungsentgelt wirkt unangebracht, zu hoch, oder unfair! Der Ruf der "Generation Kostenlos" wird groß und das Verlangen nach "freien Inhalten" steigt in den Benutzern.

Wichtig ist hier zu erkennen: Dass das Portal wirtschaftlich (gewinnbringend) agiert ist Grundlage jedes kaufmännischen Handelns und frei von Kritik. Auch das Zahlungsmodell ist fair.

Was mich persönlich stört ist folgendes:
Wieso muss sämtliches Konsumverhalten aufgezeichnet, analysiert, verwertet und gewinnbringend verkauft werden? Ich mag es nicht vom Konsumenten zum Produzenten eines Produktes gemacht werden, ohne dass ich die Wahl habe!

Mein fiktives Beispiel ist real: Facebook, eBay, Amazon, Google, Apple - so funktioniert (vereinfacht) das Geschäft mit digitalen Plattformen. Und der Konsument? Jubelt bedingungslos, aber beschwert sich kurz ohne Nachwirkung, wenn er in der Presse hört, dass das gar nicht so toll ist.
Nochmal: Die Unternehmen agieren wirtschaftlich und gewinnsteigernd korrekt!

Dass das Ganze unbewusst stattfindet halte ich für eine Lüge zum Selbstschutz oder aus Faulheit - die Informationen sind verfügbar, aber das Gefühl Unmündigkeit oder Ignoranz ist halt nicht greifbar.

Es würde nichts dagegen sprechen das Modell zu ändern, wie folgt mit zwei Optionen:
  1. Alles Kostenlos, dafür mit Werbung und mit Nutzungsaufzeichnung.
  2. Kostenpflichtig, ohne Werbung und ohne Nutzungsaufzeichnung.
Es kann frei einmalig monatlich gewählt werden, welche Option man wählt.
Der Prosument (Producer + Consumer = Prosumer) fordert es einfach nur nicht ein, die Masse liefert!

Meine Zahlungswilligkeit im Internet hält sich übrigens bis auf sehr wenige Ausnahmen in Grenzen.

Eine dieser Ausnahmen nenne ich gerne beim Namen: Die Webseite www.nickles.de - hier bin ich gerne bereit zu zahlen. Wieso? Ich merke, dass hier noch ein Mensch arbeitet und seine eigene geistige Leistung erbringt. Michael Nickles spricht Klartext und hat eine Meinung!
Ich habe keinen Bock auf gesponsorte Berichte oder Nachrichten und bei der Seite finde ich genau diese Unabhängigkeit!

Letztendlich entscheidet der Konsument, ob und wie viel eine Dienstleistung wert ist, aber ein transparentes und faires Geschäftsmodell sollte immer selbstverständliche Grundlage und nicht die Ausnahme sein.

Beliebte Posts aus diesem Blog

Digital Detox

Klingt irgendwie schon so, als würde das Digitale einen erkranken lassen. Entgiftung als propagiertes Mittel. Gedanke, der viel wichtiger scheint:
Gesunde Balance finden - Selbstverständnis schärfen.

Persönliche Entropie als Personal Mastery

Wichtige Entscheidungen stehen an, die Informationslage ist mehr als ausreichend und trotzdem nur Stillstand. Ein Einsatz erklärt der Titel.
Persönliche Entropie beschreibt die Angst, die das eigene Handeln beeinflusst und die Rationalität stört. Das Überwinden dieser Hürde erst bringt die Freiheit wirklich kluge Entscheidungen zu treffen.

Logistik-Review

Auf dem Weg zur Arbeit bin ich über eine Brücke gelaufen und beobachtete neben unzähligen PKWs auch LKWs und alles dazwischen (Lieferwagen etc.).
Das kann man doch intelligenter machen: Vier Gedanken schossen mir durch den Kopf.